Finanzielle Sorgen sind für viele Menschen in Deutschland längst kein Ausnahmezustand mehr. Sie sind Teil des Alltags geworden. Zwei aktuelle Veröffentlichungen von Springer Professional zeichnen ein bemerkenswertes Bild. Auf der einen Seite sorgen sich große Teile der Bevölkerung um ihre finanzielle Zukunft. Auf der anderen Seite zeigt sich, dass die subjektive Einschätzung der eigenen finanziellen Lage teilweise negativer ausfällt, als es objektive Faktoren vermuten lassen.
Dieser vermeintliche Widerspruch ist für Banken von enormer Bedeutung. Denn er zeigt, dass die Herausforderung vieler Privatkunden ist nicht ausschließlich ein Mangel an finanziellen Mitteln. Es fehlt häufig an Orientierung, Einordnung und einem nachvollziehbaren Bild der eigenen finanziellen Situation. Bereits an dieser Stelle beginnt aus unserer Sicht moderne Beratungsqualität.
Finanzielle Sorgen werden zur neuen Normalität
Eine aktuelle Umfrage im Auftrag der Wirtschaftsauskunftei CRIF zeigt, wie stark die finanzielle Unsicherheit inzwischen ausgeprägt ist. 79 Prozent der Menschen in Deutschland sorgen sich um ihre finanzielle Zukunft. 28 Prozent erwarten in den kommenden zwölf Monaten eine Verschlechterung ihrer persönlichen finanziellen Situation. 38 Prozent rechnen damit, am Monatsende weniger Geld zur Verfügung zu haben.
Noch bemerkenswerter ist die Reaktion auf diese Unsicherheit. Eine Mehrheit versucht, mit größerer finanzieller Vorsicht zu reagieren. Ausgaben werden reduziert, Sonderangebote gewinnen an Bedeutung und teilweise müssen bereits vorhandene Ersparnisse genutzt werden, um die laufenden Kosten zu finanzieren. Finanzielle Vorsicht wird damit für viele Menschen zur neuen Normalität. Doch Vorsicht allein ist noch keine Finanzstrategie.
Die gefühlte Finanzlage ist häufig schlechter als die tatsächliche Situation
Eine weitere von Springer Professional aufgegriffene Untersuchung zeigt eine zweite Dimension des Problems: Die subjektive Wahrnehmung der eigenen finanziellen
Situation kann deutlich negativer sein als die objektive Lage. Auch die Ergebnisse des aktuellen YouGov-Reports zum Thema Schulden, Sparen und Investieren passen in dieses Bild. Bemerkenswert ist vor allem die Einschätzung der eigenen Handlungsmöglichkeiten. 23 Prozent glauben, dass Sparen allein ausreicht, um finanziell voranzukommen. 21 Prozent sehen eine Kombination aus Sparen und Investieren als notwendig an. Gleichzeitig glaubt fast ein Drittel der Befragten, dass weder Sparen noch Investieren ausreichen, um die eigene finanzielle Situation nachhaltig zu verbessern.
Das ist aus unserer Sicht eines der wichtigsten Ergebnisse der aktuellen Diskussion. Denn wenn Menschen nicht mehr erkennen, mit welchen konkreten Schritten sie ihre finanzielle Situation verbessern können, entsteht ein Gefühl finanzieller Perspektivlosigkeit. Und genau dieses Gefühl kann langfristig problematischer sein als eine einzelne wirtschaftliche Belastung.
Zwischen Kontostand und Bauchgefühl entsteht eine Orientierungslücke
Finanzielle Sicherheit ist keine rein mathematische Größe. Zwei Menschen mit einem vergleichbaren Einkommen, ähnlichen Vermögenswerten und vergleichbaren finanziellen Verpflichtungen können ihre persönliche Situation vollkommen unterschiedlich bewerten. Der eine fühlt sich finanziell gut aufgestellt. Der andere empfindet Unsicherheit und hat permanent das Gefühl, nicht ausreichend vorbereitet zu sein.
Warum? Weil finanzielle Sicherheit auch davon abhängt, ob Menschen ihre eigene Situation verstehen.
- Wie hoch ist meine finanzielle Reserve?
- Welche Risiken habe ich bereits abgesichert?
- Was passiert bei längerer Krankheit oder Berufsunfähigkeit?
- Wie entwickelt sich mein Vermögen?
- Reicht meine aktuelle Sparleistung aus?
- Wie groß ist meine voraussichtliche Rentenlücke?
- Und welche konkreten Schritte sollte ich heute unternehmen?
Wer auf diese Fragen keine Antworten hat, kann sich selbst bei einer objektiv stabilen finanziellen Ausgangslage unsicher fühlen. Wir sprechen deshalb von einer Orientierungslücke. Und diese Orientierungslücke ist aus unserer Sicht eines der größten zukünftigen Bedarfsfelder im Privatkundengeschäft der Banken.
Gute Beratung muss die finanzielle Ausgangssituation sichtbar machen
In vielen Beratungsgesprächen wird noch immer sehr schnell über Produkte gesprochen. Aus unserer Sicht sollte moderne Beratung einen Schritt früher beginnen. Bevor über Tagesgeld, Wertpapiere, Versicherungen oder Altersvorsorgeprodukte gesprochen wird, muss der Kunde zunächst verstehen, wo er finanziell steht. Eine qualitativ hochwertige Beratung sollte deshalb eine Art finanzielles Gesamtbild schaffen. Einnahmen und Ausgaben, vorhandene Rücklagen, Vermögenswerte und Verbindlichkeiten, bestehende Absicherungen sowie mittel- und langfristige Ziele müssen nachvollziehbar zusammengeführt werden.
Der entscheidende Punkt ist dabei die Visualisierung. Menschen müssen ihre finanzielle Situation nicht nur erklärt bekommen. Sie sollten sie möglichst einfach sehen und verstehen können. Genau deshalb beschäftigen wir uns aktuell intensiv mit neuen Formen der digitalen Gesprächseröffnung.
Finanzbildung bedeutet auch, die eigene Situation einordnen zu können
Die aktuellen Studienergebnisse zeigen zugleich, warum wir das Thema Finanzbildung deutlich breiter betrachten müssen. Finanzbildung bedeutet nicht ausschließlich, den Unterschied zwischen einer Aktie und einem ETF erklären zu können. Finanzielle Bildung zeigt sich auch darin, die eigene finanzielle Situation realistisch einschätzen zu können. Wer seine Einnahmen, Ausgaben und Rücklagen nicht einordnen kann, wird Schwierigkeiten haben, langfristige finanzielle Entscheidungen zu treffen.
Wer seine persönliche Rentenlücke nicht kennt, kann kaum beurteilen, welche Sparleistung notwendig wäre. Wer den Zusammenhang zwischen Inflation, Kaufkraft und langfristigem Vermögensaufbau nicht versteht, empfindet das Sparen möglicherweise als wirkungslos.
Und wer keine Vorstellung davon hat, wie sich kleine regelmäßige Investitionen langfristig entwickeln können, sieht möglicherweise überhaupt keinen realistischen Weg, die eigene finanzielle Situation zu verbessern.
Genau hier liegt eine wichtige Aufgabe für Banken. Finanzbildung darf nicht bei der Bereitstellung von Informationen enden. Gute Finanzbildung muss Menschen in die Lage versetzen, ihre eigene Situation besser zu verstehen und daraus Entscheidungen abzuleiten.
FEMI untersucht, wie ernst Banken diese Aufgabe nehmen
Mit dem Financial Education Measurement Index, kurz FEMI, beschäftigen wir uns aktuell intensiv mit der Frage, wie Banken das Thema Finanzbildung tatsächlich aufgreifen. Dabei betrachten wir unter anderem die Sichtbarkeit und Auffindbarkeit entsprechender Angebote, Social Media und Content, die inhaltliche Tiefe und Didaktik sowie die Zielgruppenfitness für junge Kundinnen und Kunden.
Unsere Überzeugung ist klar: Finanzbildung wird zu einem wichtigen Bestandteil moderner Kundenorientierung. Die aktuellen Studien zur finanziellen Unsicherheit unterstreichen diese These. Wenn Menschen ihre finanzielle Situation teilweise schlechter wahrnehmen, als sie objektiv ist, benötigen sie Orientierung.
Wenn fast ein Drittel der Menschen weder im Sparen noch im Investieren einen realistischen Weg zur Verbesserung der eigenen Finanzlage erkennt, benötigen sie nachvollziehbare finanzielle Perspektiven. Und wenn finanzielle Sorgen für einen großen Teil der Bevölkerung zum Alltag gehören, sollten Banken genau dort ansetzen. Nicht mit abstrakten Produktbotschaften. Sondern mit konkreter Orientierung.
Altersvorsorge ist das vielleicht beste Beispiel für die bestehende Orientierungslücke
Kaum ein Finanzthema verdeutlicht die aktuelle Herausforderung so stark wie die Altersvorsorge. Viele Menschen wissen grundsätzlich, dass die gesetzliche Rente möglicherweise nicht ausreichen wird, um den eigenen Lebensstandard im Alter vollständig zu sichern.
Doch wie groß ist die persönliche Rentenlücke tatsächlich? Hier beginnt die Unsicherheit. Eine abstrakte Diskussion über das deutsche Rentensystem hilft dem einzelnen Kunden nur begrenzt. Entscheidend ist die Übertragung auf seine persönliche Situation.
Wenn heute ein monatliches Nettoeinkommen von beispielsweise 2.000 Euro zur Verfügung steht: Welche Einkünfte sind im Ruhestand realistisch? Wie groß könnte die individuelle Versorgungslücke sein? Welche Sparleistung wäre notwendig, um diese Lücke zumindest teilweise zu schließen?
Erst wenn aus einem abstrakten Thema eine persönliche Zahl wird, entsteht Relevanz. Genau deshalb wird das Thema Altersvorsorge auch bei der Neuausrichtung unseres Bankentests „BESTE BANK vor Ort 2027“ eine besondere Bedeutung erhalten. Wir wollen noch genauer untersuchen, ob Banken dieses zentrale Bedarfsfeld aktiv erkennen, verständlich aufgreifen und in eine nachvollziehbare Beratung überführen.
Beratungsqualität bedeutet nicht, Sorgen zu verstärken
Dabei ist uns ein Punkt besonders wichtig. Finanzielle Beratung darf nicht mit Angst arbeiten.
Wer Kunden mit Rentenlücken, Inflation oder möglichen finanziellen Risiken konfrontiert, um möglichst schnell einen Produktabschluss zu erreichen, hat den eigentlichen Auftrag guter Beratung aus unserer Sicht nicht verstanden. Die aktuellen Studien zeigen bereits eine hohe finanzielle Verunsicherung.
Die Aufgabe einer Bank sollte deshalb nicht darin bestehen, diese Unsicherheit weiter zu verstärken. Gute Beratung schafft Klarheit. Sie zeigt zunächst die tatsächliche Situation. Sie unterscheidet zwischen bereits gut gelösten Themen und tatsächlichen Handlungsfeldern. Sie priorisiert. Und sie entwickelt gemeinsam mit dem Kunden einen realistischen Fahrplan.
Aus Sorge sollte Orientierung werden. Aus Orientierung kann eine Entscheidung entstehen. Und aus nachvollziehbaren Entscheidungen kann langfristig finanzielle Sicherheit wachsen.
Vielleicht müssen Banken künftig weniger Produkte und mehr Perspektive verkaufen
Die aktuellen Veröffentlichungen zur finanziellen Situation der Menschen in Deutschland liefern aus unserer Sicht einen wichtigen Impuls für das Privatkundengeschäft. Viele Menschen sorgen sich um ihre finanzielle Zukunft. Gleichzeitig fällt es einem erheblichen Teil der Bevölkerung schwer, die eigene Situation realistisch einzuordnen und konkrete Wege zur Verbesserung zu erkennen. Darin liegt eine große gesellschaftliche und wirtschaftliche Herausforderung. Aber auch eine große Chance für Banken.
Denn moderne Beratungsqualität beginnt nicht mit einem Produkt. Sie beginnt mit einer einfachen Frage:
„Wo stehe ich finanziell eigentlich wirklich?“
Banken, die ihren Kunden helfen, diese Frage verständlich und nachvollziehbar zu beantworten, schaffen einen echten Mehrwert. Vielleicht ist genau das die zukünftige Rolle einer guten Hausbank: nicht jede finanzielle Sorge sofort mit einem Produkt zu beantworten, sondern Menschen zunächst dabei zu helfen, ihre eigene finanzielle Situation zu verstehen. Denn finanzielle Sicherheit beginnt mit Orientierung.
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