Die meisten Deutschen machen mehr oder weniger unbewusst Bekanntschaft mit dem Deutschen Institut für Normung – kurz: DIN. So kaufen sie beispielsweise Druckerpapier im DIN A 4-Format. Doch was hat es mit DIN-Normen eigentlich auf sich? Wie arbeitet das gemeinnützige Institut mit Sitz in Berlin und was wiederum verbirgt sich hinter dem kryptisch anmutenden Kürzel DIN SPEC eigentlich?

Welche Aufgaben hat das DIN?
Das DIN ist das weltweit größte Institut dieser Art und versteht sich als Dienstleister für Normung und Standardisierung. Der privatwirtschaftlich organisierte Verein arbeitet auf gemeinnütziger Basis und mit rund 32.000 Fachleuten aus Wirtschaft, Forschung und der öffentlichen Hand. Damit auch die Interessen von Verbrauchern berücksichtigt werden, wurde 1974 der Verbraucherrat gegründet, der sich aus ehrenamtlich tätigen Experten zusammensetzt. Diese externen Berater aus verschiedenen Bereichen steuern die inhaltliche Expertise für rund 70 Normungsausschüsse aus den verschiedensten Bereichen wie zum Beispiels dem Bauwesen oder der Medizintechnik bei. Die rund 400 DIN-Mitarbeiter sorgen dafür, dass die Projekte national und international koordiniert ablaufen und die erforderlichen Vorschriften eingehalten werden.

Was ist eine DIN und wie entsteht sie?
Eine DIN NORM legt die Anforderungen an Produkte, Dienstleistungen oder Verfahren fest. Generell sind DIN-Normen freiwillig und nicht automatisch gesetzlich vorgeschrieben. Das ist erst dann der Fall, wenn der Gesetzgeber dies ausdrücklich vorschreibt oder wenn die Norm Inhalt eines Vertrages wird. Pro Jahr werden nach Angaben des „Handelsblatts“ rund 2.500 DIN-Normen veröffentlicht, insgesamt gibt es mehr als 30.000 Normen. Den Anfang machte 1917 die DIN 1 für Kegelstifte, die mittlerweile unter der DIN EN 22339 firmiert.

Bis eine DIN NORM Gültigkeit erlangt, müssen jedoch mehrere Schritte durchlaufen werden. So muss zunächst ein Normungsantrag gestellt werden, der dann vom Normungsausschuss auf einen Bedarf in der jeweiligen Branche hin untersucht wird. Ist dies der Fall und die Finanzierung sichergestellt, wird ein Norm-Projekt entwickelt und auf der DIN-Webseite als Norm-Entwurf veröffentlicht. Vier Monate lang können die Entwürfe dann kommentiert werden, in den folgenden drei Monaten berät der Arbeitsausschuss die Stellungnahmen. Wird ein Konsens zwischen den Interessenvertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft sowie aus Umwelt- und Verbraucherorganisationen für die Inhalte gefunden, wird die DIN NORM verabschiedet und dann alle fünf Jahre auf den Stand der Technik hin überprüft. Auf internationaler Ebene gelten die ISO-Norm sowie in Europa die EN als Pendant. Der Normungsprozess unterliegt selbstverständlich auch einer DIN NORM, genauer gesagt der DIN 820-4 „Normungsarbeit-Geschäftsgang“. Bis der Normierungsprozess abgeschlossen ist, vergehen im Schnitt zwei bis drei Jahre.

Welche Vorteile bieten DIN-Normen?
Der Vorteil besteht darin, dass sie Klarheit darüber schaffen, was die Marktteilnehmer vom Produkt oder der Dienstleistung erwarten können. So können sich Käufer von Druckerpapier im DIN A 4-Format beispielsweise darauf verlassen, dass das so bezeichnete Papier exakt die Größe von 210 mal 297 Millimetern und damit die passende Größe für das Gerät hat. Das DIN beziffert den volkswirtschaftlichen Nutzen, der aus der Normierung entsteht, auf insgesamt rund 17 Milliarden Euro. Dazu trägt eine höhere Effizienz, leichterer Marktzugang und eine verbesserte Produktsicherheit bei. Zudem sinken die Haftungsrisiken und die Unternehmen erhalten über den Normierungsprozess einen Überblick über den Wettbewerb. Die auch international gültigen DIN-Normen tragen zudem dazu bei, den weltweiten Handel zu stärken. Auch Marketing-Aspekte sprechen für DIN-Normen, da sie bei Kunden eine hohe Akzeptanz genießen.

Für Verbraucher liegen die Vorteile laut DIN darin, dass sie sich auf bestimmte Sicherheitsstandards verlassen können, die über eine DIN NORM verabschiedet wurden. Ein Beispiel ist DIN EN ISO 5395:2014, die unter anderem die Sicherheitsanforderungen an Rasenmäher definiert.

Was ist eine DIN SPEC?
Die DIN SPEC ist eine Art Vorstufe zur DIN NORM und hat den Vorteil, dass sie schneller umgesetzt werden kann. Sie kann innerhalb weniger Monate auf den Weg gebracht werden, da sie in kleineren Arbeitsgruppen erstellt wird und keine Konsenspflicht besteht. Sie kann die Basis für eine DIN NORM sein und hilft den Initiatoren, den Boden für eine spätere Normung zu bereiten. Nach Handelsblatt-Angaben durchlaufen derzeit rund 50 bis 100 Projekte diesen Prozess. Der Zeitung zufolge will DIN-Chef Christoph Winterhalter diesen Bereich deutlich ausbauen, indem verstärkt auch junge Firmen ermutigt werden sollen, die Vorteile einer DIN SPEC zu nutzen.

Die Vorgehensweise ähnelt den Abläufen bei der Entwicklung einer DIN NORM: Jeder kann eine DIN SPEC initiieren, indem er sie beim DIN einreicht. Das Projekt wird dann auf der DIN-Webseite veröffentlicht. In der Workshop-Phase, an der mindestens drei Parteien mitwirken müssen, wird das Projekt konkretisiert und als DIN SPEC in der endgültigen Version publiziert. Zu den Aufgaben des DIN gehört dabei unter anderem die Überprüfung, ob die Entwürfe gegen vorhandene DIN-Normen verstoßen oder nicht.

Praxisbeispiel: Die DIN SPEC 77222
Ein Beispiel für eine DIN-Spezifikation stellt die DIN SPEC 77222 „Standardisierte Finanzanalyse für den Privathaushalt“ dar. Sie soll dazu beitragen, die häufig mangelhafte Qualität der Finanzberatung durch standardisierte Prozesse entscheidend zu verbessern und sie zudem auch weniger zeitintensiv zu gestalten. Die DEFINO Gesellschaft für Finanznorm mbH mit Sitz in Heidelberg hat die DIN SPEC initiiert, die Idee zur DIN SPEC entstand auf Basis eines Projekts zur Entwicklung eines Regelwerks für eine standardisierte Finanzanalyse. Nachdem DEFINO das Konzept beim DIN vorgelegt hatte, riet das Institut zum Einreichen einer DIN SPEC.

Kernpunkt der DIN SPEC ist die Gewährleistung eines standardisierten dreistufigen Beratungsverlaufs. Eine gemäß dieser DIN SPEC durchgeführte Beratung soll sicherstellen, dass die Verbraucher unabhängig vom Berater jeweils die gleiche Empfehlung für ihre Finanzplanung erhalten. Dazu soll neben fest definierten Vorgaben für die Finanzanalyse unter anderem auch die Verwendung einheitlicher Planungsgrößen, wie zum Beispiel die erwartete Inflationsrate beitragen, die jährlich von DEFINO festgelegt werden. An der Umsetzung waren drei Professoren aus der Finanzwirtschaft, zwei Vertreter der Verbraucherseite und mehrere Praktiker aus der Finanzbranche beteiligt. Sie haben den Entwurf in insgesamt sechs Workshops durchleuchtet und ergänzt, nach acht Monaten wurde der Entwurf unter der Bezeichnung DIN SPEC 77222 am 14. März 2014 im DIN-eigenen Beuth Verlag veröffentlicht.

Im Juni 2014 wurde von DEFINO der Antrag für das Normierungsverfahren eingereicht, mit der Überführung in eine DIN NORM wird 2017 gerechnet. Weitere DIN-Spezifikationen aus dem Finanzbereich sind die DIN SPEC 77223 „Standardisierte Vermögens- und Risikoanalyse für Privatanleger“ sowie die DIN SPEC 77228 „Mindestanforderungen für Versicherungsprodukte“. Sie wurden ebenfalls von DEFINO auf den Weg gebracht, die DIN-Normierung läuft auch für diese beiden Regelwerke.